
Ernährung und Therapie: Was wir heute wissen
Zuletzt aktualisiert: 16.03.2026 | Autor(in): Alpaslan Tasdogan
Wie Tumorzellen Energie gewinnen – und warum das eine Rolle spielt
Das maligne Melanom ist eine besonders aggressive Form von Hautkrebs. Seine vergleichsweise hohe Sterblichkeit hängt vor allem damit zusammen, dass es früh Metastasen bilden kann, also Tochtergeschwülste in anderen Organen. Dadurch wird die Behandlung deutlich erschwert. Aus diesem Grund ist es wichtig zu verstehen, welche Faktoren das Tumorwachstum und den Erfolg von Therapien beeinflussen.
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Ernährung dabei eine relevante Rolle spielt. Essgewohnheiten, der allgemeine Lebensstil sowie die Zusammensetzung der Darmflora (Darmmikrobiom) können die Wirksamkeit moderner Immuntherapien und zielgerichteter Behandlungen beeinflussen. Trotz großer Fortschritte in der Therapie sprechen Patientinnen und Patienten sehr unterschiedlich auf diese Behandlungen an.
Eine gezielte Aufnahme oder Reduktion bestimmter Nährstoffe kann Stoffwechselprozesse in Tumorzellen verändern und damit sowohl das Tumorwachstum als auch die körpereigene Immunantwort beeinflussen. Ernährung wird daher zunehmend als unterstützender Faktor in der Krebstherapie betrachtet
Wovon ernähren sich Tumorzellen und kann man Krebs aushungern?
Tumorzellen verändern ihren Stoffwechsel, um den hohen Energiebedarf für ihr unkontrolliertes Wachstum und ihre Ausbreitung zu decken. Dazu nehmen sie vermehrt Nährstoffe auf und aktivieren aufbauende Stoffwechselprozesse. Zu den wichtigsten Energiequellen zählen Zucker (vor allem Glukose), Eiweißbausteine (Aminosäuren) und Fette.
Ein bekanntes Merkmal vieler Tumorzellen ist der sogenannte Warburg-Effekt. Dabei gewinnen Krebszellen Energie bevorzugt über einen schnellen, aber weniger effizienten Abbau von Glukose (Glykolyse), selbst wenn ausreichend Sauerstoff vorhanden ist. Dieser Prozess ermöglicht es den Zellen, rasch Energie und Bausteine für ihr Wachstum bereitzustellen. Glukose stammt entweder direkt aus der Nahrung oder wird im Körper neu gebildet. Als Nebenprodukt entsteht Laktat (Milchsäuresalz), das ebenfalls in den Stoffwechsel eingebunden werden kann.
Darüber hinaus können Tumorzellen auch andere Nährstoffe nutzen. Dazu gehören Fruktose (Fruchtzucker) aus der Nahrung sowie die Aminosäure Glutamin, die vom Körper selbst gebildet oder aus der Muskulatur freigesetzt wird. Auch weitere Aminosäuren und Fettsäuren tragen dazu bei, den Energiebedarf zu decken und das Überleben sowie die schnelle Teilung der Krebszellen zu unterstützen. Tumorzellen nutzen zwar geren Zucker, können aber je nach Situation auch andere Energiequellen verwenden. Zucker streichen oder “aushungern” nimmt dem Tumor daher meist nicht den Treibstoff.
Wie kann unsere Ernährung den Stoffwechsel von Tumorzellen beeinflussen?
Präklinische Studien, also Untersuchungen im Labor und in Tiermodellen, zeigen, dass Tumorzellen für ihr Wachstum auf bestimmte Nährstoffe angewiesen sind. Deshalb wird intensiv erforscht, wie unterschiedliche Ernährungsformen das Tumorwachstum und die Wirksamkeit von Immuntherapien beeinflussen können.
Gleichzeitig deuten Studien darauf hin, dass bestimmte Ernährungsweisen Tumorzellen empfindlicher gegenüber Immuntherapien machen können. Ernährungsformen, die zum Beispiel den Zuckerstoffwechsel oder den Fettstoffwechsel beeinflussen, können den Stoffwechsel von Tumorzellen gezielt verändern. Dadurch könnten sich Therapieerfolge verbessern.
Wichtig ist jedoch zu betonen, dass diese Erkenntnisse überwiegend aus präklinischen Studien stammen und nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragbar sind. Eine gezielte Ernährungsumstellung sollte daher immer begleitend zur medizinischen Therapie und in Rücksprache mit dem Behandlungsteam erfolgen.
Welche Ernährungsformen können den Krankheitsverlauf oder die Therapie positiv beeinflussen?
Die Ernährung während einer Krebsbehandlung, insbesondere im Rahmen von Immuntherapien, kann eine unterstützende Rolle spielen. Verschiedene Ernährungsansätze werden derzeit wissenschaftlich untersucht, da sie den Stoffwechsel von Tumorzellen beeinflussen, Entzündungsprozesse reduzieren und die Immunantwort des Körpers stärken können.
Dazu zählen unter anderem die mediterrane Ernährung, eine moderat reduzierte Kalorienzufuhr, intermittierendes Fasten sowie ketogene (kohlenhydratarme, fettreiche) Ernährungsformen. In präklinischen Studien zeigten insbesondere fett- und zuckerarme Ernährungsweisen bei bestimmten Tumorarten vielversprechende Effekte. Aussagekräftige klinische Studien am Menschen sind jedoch bislang begrenzt.
Eine randomisierte Phase-2-Studie zeigt einen möglichen Nutzen einer ballaststoffreichen Ernährung in Kombination mit ICI bei Melanompatient:innen
Umgekehrt deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass eine Ernährung mit hohem Zucker- und Fettanteil das Tumorwachstum eher begünstigen kann.
Wichtig ist, dass diätetische Veränderungen nicht unüberlegt vorgenommen werden sollten. Ihre Wirkung kann je nach Tumorart, Behandlungsform und individueller Stoffwechsellage stark variieren. Daher sollten Ernährungsanpassungen stets individuell geplant und in enger Abstimmung mit dem behandelnden medizinischen Team erfolgen. Zudem sind weitere klinische Studien notwendig, um klare Empfehlungen zur optimalen Ernährung als Ergänzung zur Krebstherapie geben zu können.
Was bringen Nahrungsergänzungsmittel?
Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel wächst kontinuierlich, und immer mehr Menschen nehmen solche Präparate ein. Auch in sozialen Medien wird häufig, nicht selten ohne belastbare wissenschaftliche Grundlage, zur Einnahme geraten, teils sogar bei Kindern. Dabei wird oft übersehen, dass Nahrungsergänzungsmittel keine harmlosen Gesundheitsprodukte sind, sondern bei falscher Anwendung nachteilige Effekte haben können.
Grundsätzlich kann die Einnahme sinnvoll sein, wenn ein ärztlich festgestellter Nährstoffmangel vorliegt und die Dosierung medizinisch begründet ist. Nahrungsergänzungsmittel sollten jedoch keine ausgewogene und gesunde Ernährung ersetzen und auch nicht vorsorglich oder dauerhaft ohne Indikation eingenommen werden. Eine unkontrollierte oder unsachgemäße Einnahme kann zu Nebenwirkungen und Überdosierungen führen. Insbesondere fettlösliche Vitamine wie Vitamin A, D, E und K können sich im Körper anreichern und bei Überdosierung toxische Wirkungen entfalten.
Während einer Krebstherapie ist besondere Vorsicht geboten. Bestimmte Nahrungsergänzungsmittel, auch pflanzliche oder natürliche Präparate können die Wirkung von Medikamenten und Therapien beeinflussen, etwa durch Wechselwirkungen oder veränderte Verstoffwechselung. Dadurch kann eine Behandlung abgeschwächt oder die Nebenwirkungsrate erhöht werden. Deshalb sollte die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln während und nach einer Krebstherapie grundsätzlich nur nach Rücksprache mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt erfolgen.
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Ernährung beeinflusst Krebstherapien: Essgewohnheiten, Lebensstil und das Darmmikrobiom können die Wirksamkeit von Immuntherapien und zielgerichteten Behandlungen beim malignen Melanom mitbestimmen.
Tumorzellen haben einen veränderten Stoffwechsel: Krebszellen nutzen bevorzugt Zucker (Warburg-Effekt), aber auch Aminosäuren und Fette, um ihr schnelles Wachstum und ihre Ausbreitung zu ermöglichen.
Ernährungsformen als unterstützender Therapieansatz: Bestimmte Ernährungsweisen (z.B. mediterran, kalorienreduziert, fett- und zuckerarm, intermittierendes Fasten) zeigen in präklinischen Studien positive Wirkungen wie z.B. die Stärkung der Immunantwort.
- REFERENZEN
- [1] Tasdogan, A. et al. Cutaneous melanoma. Nat Rev Dis Primers 11, 23.Letzter Zugriff: 2025
- [2] Leven, A.-S., Eisenburger, R. T., Espelage, L. & Tasdogan, A. Diätetische Ansätze in der Tumortherapie. Aktuelle Dermatologie 49, 556–564.Letzter Zugriff: 2023
- [3] Hajjar, R., Mars, R. A. T. & Kashyap, P. C. Harnessing the microbiome for cancer therapy. Nat Rev Microbiol.Letzter Zugriff: 2026
- [4] Espelage, L., Wagner, N., Placke, J. M., Ugurel, S. & Tasdogan, A. The Interplay between Metabolic Adaptations and Diet in Cancer Immunotherapy. Clin Cancer Res 30, 3117–3127.Letzter Zugriff: 2024
- [5] Warburg, O. On the origin of cancer cells. Science 123, 309–314.Letzter Zugriff: 1956
- [6] Taylor, S. R. et al. Dietary fructose improves intestinal cell survival and nutrient absorption. Nature 597, 263–267.Letzter Zugriff: 2021
INTERESSENSKONFLIKTE
Der Autor/die Autorin hat keine Interessenskonflikte angegeben.


