Intraläsionale Tumortherapie

Zuletzt aktualisiert: 01.05.2022 | Autor: Viola K. DeTemple

Was bedeutet „intraläsionale Therapie”?

Eine intraläsionale Therapie ist eine Therapieform, bei der Medikamente oder Substanzen in (= „intra") ein bösartig verändertes Areal (= „Läsion") eingebracht werden. Dadurch kommt es zu deutlich weniger Nebenwirkungen als bei einer systemischen Therapie. Voraussetzung für eine solche Therapie ist eine gute Zugänglichkeit des veränderten Areals (in der Regel an der Haut). Oftmals wird eine intraläsionale Therapie angewendet, wenn eine operative Entfernung nicht (mehr) angezeigt ist [1-3]. In manchen Fällen kann eine intraläsionale Therapie zudem sogenannte abskopale Effekte haben. Das bedeutet, dass durch die Aktivierung des Immunsystems ein positiver Effekt auf die gesamte Krebserkrankung zu verzeichnen ist, obwohl nur einzelne Hautläsionen behandelt werden.

Für welche Hautkrebsarten gibt es intraläsionale Therapieoptionen?

Für verschiedene Hautkrebsarten gibt es teilweise in Deutschland zugelassene, teilweise erst experimentelle intraläsionale Therapiemöglichkeiten. Einige langjährig angewandte intraläsionale Therapien wurden zwischenzeitlich aufgrund verträglicherer und wirksamerer Alternativen verlassen [1; 4].

Gerade im Bereich des malignen Melanoms (= schwarzer Hautkrebs) gibt es sehr gute klinische Daten auch im Rahmen von Studien, die beispielsweise zur Zulassung von T-VEC in Deutschland geführt haben. Diese intraläsionale Therapieoption kann auch beim Merkelzell-Karzinom angewendet werden, hier aber im „off-label-use" (= nicht zugelassen). Erfahrungen mit anderen intraläsionalen Therapien gibt es auch für den weißen Hautkrebs (z.B. Basalzellkarzinom / Plattenepithelkarzinom), hier ebenfalls ohne Zulassung.

Intraläsionale Therapieoptionen

  • Talimogene laherparepvec (T-VEC)

    Bei der seriellen Therapie (= mehrere Injektionen) mit T-VEC („Talimogene laherparepvec") werden genetisch veränderte Herpes-Viren (HSV-1) in den Tumor gespritzt. Diese veränderten Viren vermehren sich bevorzugt in Krebszellen, wodurch diese gezielt zerstört werden („onkolytisch"). Zusätzlich werden immunaktivierende Faktoren (GM-CSF) ausgeschüttet, die dazu führen, dass auch nicht behandelte Metastasen (= Tumorabsiedelungen) an Größe abnehmen können („abskopaler Effekt").

    Zu den Nebenwirkungen dieser im Allgemeinen sehr gut verträglichen Therapie gehören Fieber, Schüttelfrost und Müdigkeit sowie örtliche Reaktionen an der Injektionsstelle.

    Zugelassen ist die intraläsionale T-VEC-Therapie für örtliche oder entfernte Metastasen des nicht operablen malignen Melanoms (= schwarzer Hautkrebs) [1; 4-6]. Zusätzlich wird T-VEC für das nicht operable Merkelzell-Karzinom diskutiert [3; 7].

  • Elektrochemotherapie (ECT)

    Die Elektrochemotherapie ist eine Kombination aus einer systemischen und/oder örtlichen Chemotherapiegabe (i.d.R. Bleomycin oder Cisplatin). Hierbei wird das Chemotherapeutikum unter Stromimpulsen in bösartige Hautveränderungen eingebracht, indem elektrische Sonden kurzzeitig in den Tumorbereich eingestochen werden. Die Stromimpulse führen dazu, dass die Zellmembranen der Krebszellen durchlässiger werden, und die Wirkstoffe besser in die Krebszellen eindringen können. Die Chemotherapie hemmt in den Krebszellen die Zellteilung („zytostatisch"). Infolgedessen kommt es zu einer örtlichen Zerstörung der Metastasen.

    Zumeist wird eine Elektrochemotherapie unter Sedierung oder in Allgemeinanästhesie durchgeführt, da durch die Stromimpulse unangenehme Muskelzuckungen auftreten können. Im Nachgang kann es zu Wundschmerzen kommen.

    Die im Vergleich zu anderen intraläsionalen Therapieoptionen technisch aufwendige Elektrochemotherapie ist v.a. für In-transit-Metastasen (= Tumorabsiedelungen, die entlang der abfließenden Lymphbahnen auftreten) des malignen Melanoms geeignet. Eine Zulassung besteht derzeit nicht [1;4].

  • 5-Fluorouracil (5-FU)

    5-Fluorouracil (5-FU) gehört zu der Gruppe der Zytostatika, also zu den Arzneistoffen, die die Zellvermehrung hemmen. Neben der topischen Applikation (= der Arzneistoff wird auf das betroffene Areal aufgetragen) auf Krebsvorläuferläsionen kann es auch in niedrig-Risiko-Tumore eingespritzt werden. Hierbei kommt es häufig zu Reaktionen an der Injektionsstelle.

    Die intraläsionale Injektion von 5-FU ist bei niedrig-Risiko-Basalzellkarzinomen erprobt. Bislang besteht jedoch keine Zulassung [2;8;9].

  • Intraläsionale Kryotherapie

    Bei der Kryotherapie („cryo" = Kälte) wird Kälte zur Zerstörung von Tumorzellen genutzt. Hierzu wird die Läsion mit speziell gefertigten Sonden durchstochen und Kälte in Form von flüssigem Stickstoff durch das Tumorareal geleitet. Die extreme Kälte führt zu einem Absterben der Zellen in dem behandelten Areal. Abgesehen von leichten örtlichen Reaktionen ist eine sehr gute Verträglichkeit beschrieben.

    Die intraläsionale Kryotherapie kann insbesondere bei betagteren Patientinnen und Patienten als Alternative zur operativen Therapie bei Basalzellkarzinomen in Frage kommen. In kleineren Patientengruppen zeigte sich ein hervorragendes Ansprechen bereits nach einmaliger Anwendung. Eine Zulassung besteht derzeit nicht [2;10].

    In der nachfolgenden Tabelle sind die aktuell bekanntesten Behandlungsmöglichkeiten nochmals zusammengefasst:

    Intraläsionale TherapieoptionEinsatzbereichWirkweiseErfolgsaussichtenNebenwirkungen
    Talimogene laherparepvec (T-VEC; IMLYGIC®)1. malignes Melanom (zugelassen)

    2. Merkelzell-Karzinom (off-label)
    Onkolytische Immuntherapie1. Malignes Melanom: 26-64% Ansprechen;
    34% Ansprechen von nicht behandelten Metastasen;
    16% vollständige Abheilung

    2. Merkelzell-Karzinom: unzureichende Datenlage
    Müdigkeit, Fieber, Schüttelfrost, Reaktionen an der Injektionsstelle
    Elektrochemo-Therapie (ECT)malignes Melanom (off-label)Zytostatische Tumorzerstörung56-85% Ansprechen;
    56-72% vollständige Abheilung;
    34% Ansprechen von nicht behandelten Metastasen
    Muskelzucken während der Therapie, Wundschmerz
    5-Fluorouracil (5-FU)Basalzell-/ Plattenepithel-Karzinom (off-label)Zytostatische Tumorzerstörung79-100% Ansprechen (in kleinen Patienten-Gruppen)Reaktionen an der Injektionsstelle
    Intraläsionale KryotherapieBasalzellkarzinom (off-label)Tumorzerstörung durch Kältebis zu 100% Ansprechen nach einmaliger Applikation (in kleinen Patienten-Gruppen)Örtliche Reaktionen
Manche nicht (mehr) operierbare Hauttumore können auch mit Substanzen behandelt werden, die direkt in das Tumorgewebe eingebracht werden („intraläsionale Therapie“).
Es gibt gute Erfahrungswerte zu intraläsionalen Therapien v.a. für das maligne Melanom, das Merkelzell-Karzinom oder das Basalzellkarzinom.
T-VEC ist die bislang einzige zugelassene intraläsionale Therapie; sie wird beim malignen Melanom eingesetzt
REFERENZEN
  • [1] Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Melanoms, Langversion 3.3, 2020, AWMF Registernummer: 032/024OL, http://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/melanom/ (abgerufen am: 01.03.2022)
  • [2] Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): S2k-Leitlinie Basalzellkarzinom der Haut (Aktualisierung 2017/18), Langfassung, 2018, AWMF Registernummer: 032 – 021 (abgerufen am: 01.03.2022)
  • [3] Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): 2k - Leitlinie - Merkelzellkarzinom (MZK, MCC, neuroendokrines Karzinom der Haut) – Update 2018, Langfassung, 2018, AWMF Registernummer: 032 – 023 (abgerufen am: 01.03.2022)
  • [4] Henderson MA. Topical and intralesional therapies for in-transitmelanoma. Melanoma Manag. 2019;6(3):MMT23. Published 2019 Sep 2. doi:10.2217/mmt-2019-0008
  • [5] Vidovic D, Giacomantonio C. Insights into the Molecular Mechanisms Behind Intralesional Immunotherapies for Advanced Melanoma. Cancers (Basel). 2020;12(5):1321. Published 2020 May 22. doi:10.3390/cancers12051321
  • [6] Ferrucci PF, Pala L, Conforti F, Cocorocchio E. Talimogene Laherparepvec (T-VEC): An Intralesional Cancer Immunotherapy for Advanced Melanoma. Cancers (Basel). 2021;13(6):1383. Published 2021 Mar 18. doi:10.3390/cancers13061383
  • [7] Nguyen MHK, Leong SP, Abendroth R, Kashani-Sabet M, Kim KB. Complete clinical response to intralesional talimogene laherparepvec injection in a patient with recurrent, regionally advanced Merkel cell carcinoma. JAAD Case Rep. 2019;5(10):849-851. Published 2019 Sep 24. doi:10.1016/j.jdcr.2019.07.006
  • [8] Sakhiya J, Sakhiya D, Kaklotar J, et al. Intralesional Agents in Dermatology: Pros and Cons. J Cutan Aesthet Surg. 2021;14(3):285-295. doi:10.4103/JCAS.JCAS_109_20
  • [9] Thomson J, Hogan S, Leonardi-Bee J, Williams HC, Bath-Hextall FJ. Interventions for basal cell carcinoma of the skin. Cochrane Database Syst Rev. 2020;11(11):CD003412. Published 2020 Nov 17. doi:10.1002/14651858.CD003412.pub3
  • [10] Har-Shai Y, Sommer A, Gil T et al. Intralesional cryosurgery for the treatment of basal cell carcinoma of the lower extremities in elderly subjects: a feasibility study. International Journal of Dermatology 2016; 55: 342-350

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